ORTLOSER AUFENTHALT
In ihrem Atelier, inmitten ihrer Bilder, stellt Biene Feld ironisch die Frage: "Wer malt heute schon noch Landschaften?". Sie macht's - und auf überzeugende Art und Weise. Über dünner Grundierung wird mit dem Spachtel Ölfarbe aufgetragen, teilweise wieder abgekratzt, mit Strichen von dicken Ölstiften ergänzt. In Leinöl eingelegte Kreide tut ein Übriges, so dass sich in nicht wenigen der Arbeiten die Wirkung von Pastellen einstellt.
Sieht man sich in Biene Felds Atelier um, so erkennt man deutlich Unterschiede zwischen unfertigen Gemälden und solchen, die von Biene Feld als vollendet bezeichnet werden - obwohl sie sagt, dass ihre Bilder womöglich nie fertig werden. Und tatsächlich nimmt sie sich immer wieder Arbeiten vor, um sie weiter zu bearbeiten, abzuändern, Details zu eliminieren, um Neues entstehen zu lassen. Die Bilder, davon ist sie überzeugt, besitzen ohnehin eine Existenz eigenen Rechts, die zu beeinflussen die Malerin nur bedingt in der Lage ist.
In Biene Felds früheren Arbeiten spielt auch Figürliches eine gewichtige Rolle. Bei dem jetzt in St. Matthäus ausgestellten Zyklus ist dies bestenfalls Nebensache: der Betrachter meint allenfalls kleine Staffagefigürchen zu erahnen, die jedoch auch Bestandteile der Landschaft sein können, Pfosten, kleine Bäume oder unbestimmbare vertikale Marken im Gefüge der Komposition. Damit verweigert die Künstlerin uns jedoch auch einen Maßstab, mit dessen Hilfe man sich der Größenverhältnisse alles auf der Bildfläche Dargestellten vergewissern könnte: Es entstehen mikromegale Strukturen: das Gesamte des Bildes wie dessen Details können gleichermaßen monumental groß wie nahgesehen Kleines erscheinen, die Komposition kann ebenso wahrgenommen werden als weite Überschau aus großer Entfernung wie als knapp umgrenzter Mikrokosmos, betrachtet aus enger Distanz. Biene Feld liebt es übrigens, mit der Kamera just solche augentäuschenden Aufnahmen zu machen, Photos von ausgetrockneten Pfützen etwa, die wie ausgedehnte Wüstengebiete wirken, beobachtet aus großen Höhen.
Die Malerin macht dem Betrachter das Angebot - und stellt ihm zugleich die Aufgabe -, die Bilder unbefangen zu sehen. Es gibt nicht eine einzige und endgültige Betrachtung, es existiert keine definitive Wahrheit; die Wahrnehmung darf gleichsam vor dem Bilde hin- und herspringen - wer die Werke ansieht, muss bereit sein, Irritationen nicht nur hinzunehmen, sondern sich selbst schöpferisch auf sie einzulassen. Die Bilder bieten Atmosphäre und vieles mehr; die Details sind jedoch alles andere als verlässliche Hinweise auf Wirklichkeit, geben äußerstenfalls Anlass zu Assoziationen mit erlebter oder selber imaginierter Landschaft. Diese beim Betrachten der Bilder sich einstellende Unsicherheit lässt sich jedoch positiv, ja kreativ ummünzen: Als Betrachter bleiben wir aufgefordert, die Gemälde gleichsam selber zu vollenden, wobei wir selbstverständlich unsere jeweils eigene Imagination mit einbringen und durch unsere Seherfahrungen wie Seherwartungen gesteuert werden. Keine zwei Augenpaare sehen ein Bild in gleicher Weise - diese alte Erfahrung bestätigt sich bei Biene Felds Arbeiten in eklatanter Weise. Leonardos Aufforderung an die Künstler seiner Zeit kommt uns in den Sinn: Er riet ihnen, Strukturen etwa auf altem Wandputz als Darstellungen zu lesen, als Wolken etwa oder Wasserstrudel, um so die eigene Imaginationskraft zu schulen. Biene Felds Arbeiten sind in der Tat Herausforderungen an unsere Vorstellungskraft - und das von ihr selbst beobachtete nicht Abgeschlossene ihrer Arbeiten bekommt doppelten Sinn. Die eigentliche Vollendung der Bilder erfolgt vielleicht erst bei intensiver Betrachtung durch uns.
Wird er nicht vollkommen verweigert (das seit dem 20. Jahrhundert gebräuchliche Kürzel "o.T." begegnet auch hier), so weist der Bildtitel bisweilen in die ungefähre Richtung einer möglichen Lesart der Kompositionen. Vage wird auf Landschaftliches Bezug genommen - "Im Dickicht", "Brachland", "März", "Valparaiso", "Die weiße Stadt", "Schwemmland", "Hochland", "In Gesellschaft von Bäumen", mitunter auch ein mit der Darstellung in fast poetischer Beziehung stehender Name gewählt: "Die Überschreitung", "Soweit, wie ein Tag". Und in der Tat lässt sich Biene Feld nachhaltig von Poesie anregen und leiten, Gedichte sind ihr Bezugsräume, zuletzt vor allem jene von Ingeborg Bachmann.
Biene Feld verleugnet es nicht: Ein großes Vorbild ist ihr Joseph Mallord William Turner, jener englische Maler, der an der Wende zum 19. Jahrhundert Gemälde schuf, die unser modernes Auge als ersten Übergang von der traditionellen Landschaftsmalerei hin zu Abstraktion und Gegenstandslosigkeit wahrzunehmen bereit ist. Und einige Werke Biene Felds dürfen unmittelbar als Hommage an Turner verstanden werden, sind sie doch beherrscht von jenem aus sich selbst herauszuglühen scheinenden Orangeton, wie er uns im Turnerraum der Tate Britain ebenso entgegenleuchtet wie in jenem Kabinett der Londoner National Gallery, das zwei Turners mit zwei Claudes vereinigt und so wiederum des großen Engländers Rückbindung an die ideale Landschaft des 17. Jahrhunderts höchst suggestiv vor Augen führt.
Es gibt bei Biene Feld aber auch Bilder mit eklatant anderen atmosphärischen Wirkungen, kühler in der Farbigkeit, bisweilen klirrende Kälte assoziierend. Sieht man die Arbeiten nebeneinander, wie jetzt in St. Matthäus, so darf man sich erinnert fühlen an die Tradition der Jahreszeiten- oder Monatsfolgen, wie sie unter anderem in der holländischen und flämischen Malerei des 17. Jahrhunderts verbreitet war. Und wie damals schließen sich nun Biene Felds Bilder zusammen, fügen sie sich zu Folgen, verbinden sie sich zu Gesamtwerken, werden sie in ihrer Gesamtheit zu Installationen.
Parallel zu der Ausstellung in St. Matthäus präsentiert die Künstlerin in der Galerie Born eine Auswahl ihrer graphischen Arbeiten: Zeichnungen in ganz eigener Technik, angelegt mit ölgetränkter Kohle, in Tempera-Schichten mit vielfachen Lasuren, daneben kleinformatige Radierungen, die wiederum durch Zusätze von Farbe zu Unikaten gemacht werden. Und wieder werden aus den einzelnen Blättern Serien; der schwarz-weiße Druck ist das Thema, das durch Farbe vielfältige Variationen erfährt.
Die Zeichnungen entstehen übrigens nicht, wie wir es bei einer Landschaftsmalerin erwarten könnten, als Skizzen vor der Natur; auch die kleinformatigen Kohlezeichnungen entstehen im Atelier. Grundlage sind die Natureindrücke, die Biene Feld nicht zuletzt auf ihren ausgedehnten Reisen mit all ihren Sinnen aufnimmt. Auf den Reisen entstehen Photos; es war schon von ihnen die Rede. Fasziniert ist die Künstlerin von Südamerika, das sie mehrfach besuchte und in mehrheitlich unwegsamem Gelände bis hinunter nach Feuerland durchstreifte. Vielleicht sind die Erzählungen, mit denen sie begeistert von diesen Touren berichtet, auch ein Schlüssel zu den Bildern: Landschaften, unwegsam, aber nicht abweisend; Szenerien, ortlos, aber doch unseren Augen Aufenthalt bietend.
Text:
Prof. Dr. Bernd Wolfgang Lindemann, Direktor der Gemäldegalerie der Staatlichen Museen zu Berlin, im Katalog BIENE FELD, SCHWEMMLAND, 2012
---
PLACELESS SOURJOURN
In her studio, amidst her pictures, Biene Feld ironically poses the question: "Who still paints landscapes today?" She does - and convincingly. She applies oil paint over a thin primer with a spatula, scrapes it off again in part and supplements it with lines drawn in thick oil crayons. Chalk soaked in linseed oil takes care of the rest, with the result that not a few of her works seem like pastels.
A glance around Biene Feld's studio reveals clear differences between unfinished paintings and those that Biene Feld has designated as completed - although she says that her pictures will possibly never be completed. And she does in fact frequently goes back to some pictures to work some more on them, to alter them, to eliminate details, to create new ones. In any case, she is convinced, the pictures have an existence in their own right, which the painter only has a limited capacity to influence.
Figures also play a significant role in Biene Feld's early works. This aspect is secondary at best in the cycles exhibited in St. Matthäus: the viewer thinks that he can make out small accessory figures that, however, could also be parts of the landscape, posts, small trees or indeterminable vertical markings in the structure of the landscape. In doing so, the artist denies us a scale with the help of which we could ascertain the sizes and proportions of what is depicted on the picture plane. "Micro-megale" structures emerge: the picture as a whole as well as its parts equally seem as if they were monumentally large or very small and seen from close up. The composition as well can likewise be perceived as an overview seen from a great distance or as a concisely delineated microcosm seen from a close proximity. Biene Feld incidentally also likes to take such eye-deceiving pictures with the camera, photographs of dried up puddles, for example, that appear like expansive stretches of desert seen from great heights.
The painter offers the viewer the chance to observe her pictures impartially, and immediately gives him the task. But there is no single definitive observation; a final truth does not exist and perception is allowed to jump back and forth before the picture - whoever sees the works must not only be prepared to acknowledge irritations, but to creatively accept them as well. The pictures offer atmosphere and much more, whereby the details are anything but reliable indications of reality. At most, they provide the occasion for associations with an experienced or self-imagined landscape. But the sense of insecurity that arises on observing the pictures can be positively, in fact creatively, transformed: As viewers we are faced with the challenge of completing the paintings ourselves, as it were, and in doing so, we naturally incorporate our own imagination and are guided by our own visual experiences and visual expectations. No two sets of eyes see a picture in the exact same way, and Biene Feld's works strikingly confirm this old experience. We are reminded of the demand Leonardo made to the artists of his own time: He recommended that they read spots and stains on an old wall as representations, for example as clouds or vortices, in order to train one's own imagination. Biene Feld's works in fact present challenges to our imaginative powers - and the open-ended nature of her works that she herself observed receives a doubled meaning. The pictures are perhaps first truly completed by us when we look intensely at them.
To the extent that they are not completely eliminated (here as well we encounter the designation "Untitled" that has been common since the 20th century), the picture titles occasionally provide general indications for a possible interpretation of the compositions. Vague references are made to aspects of the landscape - "In the Thicket," "Wasteland," "March," "Valparaiso," "The White City," "Marshland," "Highlands," "In the Company of Trees." On occasion a name is chosen that stands in an almost poetic relationship with the representation: "The Transgression," "So Far, Like a Day." And Biene Feld is in fact greatly inspired and guided by poetry; poems are her reference areas, most recently especially those by Ingeborg Bachmann.
Biene Feld does not deny it: One of her great models is Joseph Mallord William Turner, the English painter who produced the first pictures at the turn of the 19th century that our modern eye is prepared to accept as the transition from traditional landscape painting to abstraction and non-representationality. And several of Biene Feld's works can be understood as a direct homage Turner to the extent that they are dominated by the same orange hues that seemingly glow from within and which shine just as brightly in the Turner Room at Tate Britain as they do in the cabinet in the National Gallery in London where two Turners are united with two by Claude Lorrain in a highly suggestive indication of the great English painter's recourse to the ideal landscape of the 17th century.
Biene Feld also painted pictures that have strikingly different atmospheric effects; cooler in their use of colours, sometimes even to be associated with icy coldness. Looking at the works next to each other, as one can now do in St. Matthäus, the viewer can justifiably recall the tradition of cycles depicting the seasons or the months of the year, as were, for example, widespread in Dutch and Flemish painting of the 17th century. Then as now, Biene Feld's pictures link up with each other, form suites, join to form total works, are to be installed in their entirety.
Parallel to the exhibition St. Matthäus, the artist is presenting a selection of her graphic works at the Galerie Born: drawings made in a very distinctive technique, laid out with oil-soaked charcoal, in layers of tempera with diverse glazes, along with small-sized etchings that are in turn made into unique artworks through the application of paint. And series are again shaped from individual works on paper; the black-and-white print is the theme that undergoes a wide range of variations by means of colour.
Although we might expect it from a landscape painter, the drawings are incidentally not produced as sketches from nature; the small-format charcoal drawings are likewise made in the studio. Their foundations are the impressions of nature that Biene Feld soaked in with all her senses during her extensive travels. She also takes photographs on these trips; they have already been mentioned. The artist is fascinated by South America; she is visited there numerous times, roaming largely impassable terrains down to Tierra del Fuego. Perhaps the stories she enthusiastically tells about these tours are also a key to the pictures: Landscapes, rough but not forbidding; scenarios, placeless but also offering our eye a sojourn.
Prof. Dr. Bernd Wolfgang Lindemann, Director of the The National Museums' Gemäldegalerie, Berlin, catalogue BIENE FELD - SCHWEMMLAND, 2012
|

Licht, 2012
Öl auf Leinwand, 200 x 220 cm
Am Fluss, 2011/2012
Öl auf Leinwand, 160 x 200 cm
Fiume Sosio, 2011/2012
Öl auf Leinwand, 160 x 200 cm
Magellan, 2012
Öl auf Leinwand, 160 x 200 cm
Januar, 2011
Öl auf Leinwand, 160 x 200 cm
Patagonia, 2011
Öl auf Leinwand, 100 x 160 cm
Magellan II, 2012
Öl auf Leinwand, 100 x 160 cm
Ufer, 2012
Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm
Das Wäldchen, 2011
Öl auf Leinwand, 40 x 30 cm
Der Morgen, 2011
Öl auf Leinwand, 50 x 70 cm
Calcara II, 2011
Öl auf Leinwand, 40 x 50 cm
o.T., 2012
Tusche, Papier, 21 x 29,7 cm
o.T., 2012
Tusche, Papier, 21 x 29,7 cm
o.T., 2012
Tusche, Papier, 21 x 29,7 cm
o.T., 2012
Kohle, Papier, 21 x 29,7 cm
o.T., 2012
Kohle, Papier, 21 x 29,7 cm
o.T., 2012
Kohle, Papier, 21 x 29,7 cm
Orange, 2011
Öl auf Leinwand, 30 x 40 cm
Garten, 2011
Öl auf Leinwand, 30 x 40 cm
|